Gemeinschaftshaus mit simul+ Preis prämiert

Herr Herold, der Freistaat Sachsen hat das Gemeinschaftsprojekt mit 200.000 Euro ausgezeichnet. Dazu gratulieren wir ganz herzlich. Welche Ziele verbinden die Gemeinde und Sie mit diesem Projekt?

Roger Herold: Die Gemeinde Ursprung ist ein Ortsteil der Stadt Lugau und somit ein typisches Dorf im ländlichen Raum. Bis zur Wende gab es hier fünf Gaststätten, einen Konsum, einen Bäcker, eine Fleischerei und ein Kulturhaus. Davon sind heute nur noch die Kirche mit dem Gemeindehaus und eine Sportstätte übriggeblieben. Auch das gemeinsame Arbeiten in örtlichen Betrieben oder der Landwirtschaft sind weggefallen.
Mit dem Konzept soll ein Ort geschaffen werden, in dem sich die Dorfgemeinschaft zusammenfinden und entfalten kann. Wir wollen jetzt die Weichen stellen für eine Gemeinde, in der Zuzügler und Alteingesessene, Jung und Alt gerne wohnen und sich sowohl privat als auch beruflich entwickeln können. Dabei werden Projekte in den Bereichen Gesundheit, Kultur, Digitalisierung und soziale, wirtschaftliche und ökologische Nachhaltigkeit realisiert.

Nachdem meine Frau Ines und ich vor rund neun Jahren sechseinhalb Hektar Land in Ursprung erworben hatten, wollten wir es gestalten und als „Zugereiste“ auch mit den Einwohnern in Kontakt kommen. Wir haben von den Nachbarn gelernt, wie Bienen gehalten werden und wertvolle Tipps für den Anbau von Gemüse und Obst erhalten. Bei Bedarf an Maschinen und Ausrüstungen wird sich immer wieder gegenseitig geholfen. Altes Handwerk wie Wolle spinnen oder eine Sense dengeln, konnzrn wir von unseren Nachbarn erlernen. Und über die Musik kam es schon zu wunderbaren Konzerten.
Im letzten Winter gestalteten wir gemeinsam den Weihnachtsmarkt für Ursprung auf unserem Grundstück. Das war ein so beeindruckendes Erlebnis: von 600 Einwohnern sind ca. 350 gekommen. Das war gigantisch. Und die Leute sind nicht wegen des günstigen Glühweins gekommen, sondern weil sie sich treffen wollten.
Als wir die Information des Ideenwettbewerb erhielten, haben wir Frau Lorenz-Kuniß und Herrn Weikert angesprochen und in kürzester Zeit die Bewerbung professionell ausgearbeitet, einen Vorvertrag geschlossen und unsere Idee eingereicht.

Wer sind die Projektpartner?
Die Idee ist, dass Projekte von Einwohnern für Einwohner und von Einwohnern für die Region entstehen. Eine GbR, hinter der das Team von herold.connect als Bau- und Betreibergesellschaft steht und auf dessen Grund der Garten und das Gebäude erbaut werden, koordiniert die Entwicklung. Partner sind dabei die Stadt Lugau, die GbR, die Einwohner und vor allem die Nutzer der Angebote.

Können Sie bitte kurz umreißen, welche Projekte konkret geplant sind, und wie diese umgesetzt werden sollen?
Die Projekte sind Bestandteil des Arbeitstitels „LAND.LEBEN.4.0“
Hinter dem Begriff „LAND“ steht die geplante Investition für den Heil-, Therapie- und Naturgarten. Dieser soll für Einwohner, Vereine, Naturpädagogen und Firmen für Workshops, Meetings, Vorträge zur Verfügung stehen.

Das zentrale Element wird das Gemeinschaftshaus sein, das mit dem Begriff „LEBEN“ zusammengefasst wird. Es soll als Treffpunkt für die Dorfgemeinschaft dienen. Dort können Veranstaltungen stattfinden, deren Schirmherr entweder die Stadt Lugau oder auch private Vereine sind. Es gibt da zum Beispiel den Landfrauenverein, eine Vereinigung der Handwerkskünstler oder auch Musiker, die sich gern präsentieren wollen.
Das Haus ist für Veranstaltungen mit ca. 50 Leuten gedacht. Es soll auf jeden Fall wandelbar sein. Das Gebäude soll gestalterisch einerseits an den künftigen Vierseithof angepasst sein und andererseits auch seine zukunftsweisende Bedeutung als Zukunfts-Haus darstellen. Die Hof-Innenseite wird mit Fachwerk gestaltet, die Außenseite als ein modernes Gebäude mit illuminierten Fassadenelementen, die eben nicht direkt zum Bauernhof gehören.

Der dritte Teil des Titels „4.0“ betrifft die Digitalisierung. Wir wollen eine Dorf-App programmieren mit einer benutzerfreundlichen Anwendung für die Einwohner, Informationen zu Veranstaltungen, Aktuellem, Öffnungszeiten des Rathauses und amtlichen Bekanntmachungen aus Lugau sowie mit einem digitalem schwarzen Brett für „Suche-Biete-Angebote“ für Nachbarschaftshilfe usw. Hierfür suchen wir noch die richtigen Partner.
Das Thema Digitalisierung wird aber auch im Zusammenhang mit der Energieerzeugung und ihrer Verwaltung im Gebäude, einer E-Tankstelle und einem E-Auto eine Rolle spielen. Hier gibt es viele Ideen, wir müssen allerdings die Finanzierung im Blick behalten, weshalb sicherlich nicht alles im ersten Schritt umgesetzt werden kann.

Wie wird die Bevölkerung mit einbezogen?
Am 08.07.2020 findet als erster Schritt eine Informationsveranstaltung statt. Sie dient dazu, die Idee zu präsentieren, Chancen und Bedenken zu diskutieren. Hier können natürlich auch Wünsche seitens der Einwohner geäußert werden.
Und dann soll es mit Projektveranstaltungen direkt weitergehen. Hier werden sich die Einwohner zu Themenbereichen zusammenfinden, die sie gemeinsam gestalten möchten. Darauf freuen wir uns besonders, denn da wird sich zeigen, wie eine Idee in die Praxis umgesetzt wird.

Wie soll sich das Haus finanziell tragen?
Hauptteil der Finanzierung bilden die Investitionen. Hierfür erhielten wir das Preisgeld. Eine zusätzliche Finanzierung wird durch uns erfolgen; das Grundstück ist bereits vorhanden. Es wird weder ein Bankfinanzierung noch eine finanzielle Beteiligung der Stadt Lugau geben
Die Betreiberkosten sollten sich dann im Laufe des Jahres refinanzieren. Deshalb ist das Konzept nicht nur für die Gemeinde gedacht, wo wir nur auf freiwillige Abgaben setzen, sondern es wird natürlich auch für die Wirtschaft geöffnet. Hier gibt es bereits Kontakte zu Ärzte- und Apothekervereinigungen und Physiotherapien, die das Angebot temporär nutzen wollen. Auch von Firmen gibt es bereits Interesse, dass Haus und den Garten zum Beispiel für einen Tag des Mitarbeiters, ein Coaching oder teambildende Maßnahmen zu mieten. Und auch herold.connect selbst wird Nutzer sein.

Sie stellen für das Haus das eigene Grundstück zur Verfügung. Welche Motivation steht da ganz persönlich dahinter?
Unser Urantrieb ist das Streben nach größtmöglicher Autarkie. Wir leben das schon ganz gut, denn wir verpflegen uns komplett selbst mit Fisch, Kartoffeln, Eiern, Honig, Obst und Gemüse. Fleisch kommt noch hinzu. Das interessiert uns sehr. Ein Bekannter in Österreich hat einmal gesagt, dass es ihm nicht zustehe, Öl und Gas tausende Kilometer weit in die Berge zu transportieren. Man müsse mit dem wirtschaften, was die Natur bietet, das nutzen, was da ist – zum Beispiel Holz und Sonne. Und er hat recht.
Das Betreiben des Zukunftshauses muss ökologisch vertretbar, also möglichst energieautark sein. Die Wärmeerzeugung erfolgt mit einem Bio-Meiler. Das ist ein achtzig Kubikmeter großer Meiler aus frischen Holzhackschnitzeln, der mit Wasser und Pferdedung versetzt wird und dann durch Verrottungsprozesse zwei Jahre lang ca. 60 Grad Temperatur permanent produziert. Endprodukt ist Humus. Das ist eine typische Kreislaufwirtschaft.
Uns motiviert ebenso die Dankbarkeit, in diesem Ort wohnen und arbeiten zu dürfen. Der Anspruch des gemeinsamen Nutzens, statt nur Besitzen zu wollen, Chancen und Potentiale gemeinsam zu realisieren und den Zusammenhalt zu stärken und zu entwickeln. Es liegt in unserer Verantwortung einerseits die Idylle zu bewahren, der Natur Raum zur Entfaltung zu geben und andererseits die nachhaltige Nutzung dieser Ressourcen.
Wir möchten die Balance halten zwischen Gemeinnützigkeit und wirtschaftlichem Handeln. Wir haben schon viel realisiert hier bei uns. Und sehr gerne möchten wir das – unter Wahrung unserer Privatsphäre - für Interessierte öffnen.

Herr Herold, wir wünschen viel Erfolg bei der Umsetzung und danken Ihnen für das Interview.

Mit Roger Herold sprach Katrin Hoffmann.

zurück